Fleisch ist Luxus. Oder: vom Nichtigwerden dieses Blogs.
Ich habe es ja durchaus schon einigen Leuten erzählt und angekündigt, meine Beweggründe hier noch einmal ausführlich auszuführen. Und zwar habe ich mich vor 2 Wochen oder so entschieden, künftig quasi-vegetarisch zu leben. Um genauer zu sein: Ovo-Lakto-Pescetarisch. Also werde ich weiterhin Eier, Milchprodukte und Fisch essen, aber eben kein Fleisch mehr. Wobei, das muss ich anmerken, ich mir einräume, bis zu zwei mal im Jahr (zu Weihnachten, wahrscheinlich) noch Fleisch zu essen.
Der Leser dieses Blogs wird nun, sollte ich ihm/ihr das nicht schon vorher erzählt haben, entsetzt vor seinem Computer sitzen und sich überlegen ob er/sie mich nun sofort anrufen und vollpöbeln soll oder erst später (bitte nicht nach 23 Uhr!). Aber bevor jetzt Spekulationen aufkommen, ich hätte endgültig den Verstand verloren, möchte ich hier erklären, warum ich das mache.
Und zwar bin ich nicht per se gegen das Verzehren von Tieren. Es gibt kaum etwas Schöneres als ein gutes Steak. Die gesundheitliche Wirkung ist in einer sonst ausgewogenen Ernährung auch zu vernachlässigen. Und dass die Tiere extra getötet werden ist mir auch egal – dafür wurden sie schließlich erst geboren.
Wogegen ich mich aber mit all meiner Überzeugung aussprechen möchte, ist die Art, wie wir heutzutage Fleisch essen. Nämlich als wäre Fleisch das natürlichste Lebensmittel der Welt. Fragt euch selbst mal, wie selbstverständlich es für euch ist, eine Mahlzeit um Fleisch herum zu konstruieren. Oder auch nur eine Zwischenmahlzeit, ein Snack. Nunja, es stimmt ja schon, dass der Mensch schon immer Fleisch isst und in jeder Kultur das Fleisch eine gewisse Rolle spielte. Mein Punkt ist, dass wir es heute einfach übertreiben. Und zwar nicht nur wir, sondern die gesamte Welt. Ich zitiere hier mal, das ist ja keine wissenschaftliche Arbeit, die deutsche Wikipedia: “Der Fleischkonsum stieg weltweit zwischen 1961 und 2001 von 23 kg auf 38 kg pro Kopf und Jahr, in den Industrieländern von 57 kg auf 91 kg.” [Wiki Fleisch#Konsum] Und die Entwicklungs- bzw. Schwellenländer holen auf – dort wollen die Menschen ihren durch die Globalisierung vermittelten “neuen Wohlstand” auch dadurch darstellen, dass sie mehr Fleisch essen (da Fleisch traditionell ein selteneres (und damit in unserem monetär geprägten Bild von allem teureres) Lebensmittel ist als die traditionellen Grundnahrungsmittel). Genauso, und das habe ich gerade nur in der Wikipedia gelesen, ist der Fleischkonsum in den geringeren Einkommensschichten in Deutschland höher als der in den höheren Einkommensschicht – die hohe Produktionsmenge erlaubt niedrige Preise und damit ehemaligen Luxus als Volksgut (Wann bringt BILD endlich das “VolksFleisch”?)[Ergebnisse der Nationalen Verzehrstudie II].
Gut, hoher Konsum ist ja jetzt nicht direkt schlecht. Das Problem ist, dass dieses Fleisch ja auch irgendwoher kommen muss. Und zwar wenn möglich von Tieren. Das wiederum wirft zahlreiche Probleme auf, denn Tiere sind als Lebewesen ungleich aufwendiger in der Haltung als die meisten zur Nahrungsgewinnung eingesetzten Pflanzen – Sie brauchen mehr Platz, mehr Energie, mehr Wasser und mehr und energiehaltigere Nahrung. Und diesen Platz zu schaffen, die Energie und Wasser zu erzeugen und die Nahrung anzubauen, ja, das ist der Knackpunkt. Denn unsere Ressourcen auf diesem Planeten sind leider begrenzt (bis wir endlich Möglichkeiten und Willen entwickeln um die Energie der Sonne in angemessenem Rahmen zu nutzen, aber das ist ein anderes Thema).
Da aber diese Begrenzung von denen, die aus unserem Fleischkonsum profitieren, nicht beachtet wird, schneidet jedes Schnitzel eine Schneise in den Regenwald, verbraucht jede Currywurst soviel Wasser wie eine afrikanische Familie in der Woche und sogar eine Scheibe wunderbarer Bacon lässt irgendwo einen Schmetterling weinen. Okay, das war jetzt ein wenig unsachlich von mir, aber der Punkt kommt glaube ich ‘rüber. In unserer globalisierten Welt muss man jedes Produkt als global erzeugtes Produkt sehen. Das Steak, das du hier in Deutschland von vom deutschen Metzger kaufst und das in Deutschland gelebt hat, ist auch dafür verantwortlich, das für ein anderes Rind (das jemand anderes statt des von dir verputzen Steaks essen möchte) in Argentinien oder Brasilien ein Acker freigerodet werden muss, um darauf zu stehen und dann nochmal ein doppelt so großer Acker um den Soja anzubauen, den das Rind dann isst.
Auch das war gerade wieder überdramatisiert: die meisten Ackerflächen sind ja nicht im/am Regenwald, sondern in China. Oder sonstwo. Nichtsdestotrotz könnte auf der gleichen Fläche mit weniger Energie auch Gemüse oder Getreide angebaut werden – und davon würden mehr Menschen satt werden.
Und Bio-Fleisch? Fair erzeugt und regional? Vom nicht-industriellen Schlachter per Hand zerlegt? Genau, das ist das Fleisch, wie es sein soll: ein Luxus. Nicht nur weil es ausgezeichnet schmeckt und gesünder ist als die Alternativen. Sondern auch, weil es teuer ist. Sehr teuer. Und das ist richtig so, denn wie es oben im Artikelnamen steht: Fleisch ist Luxus. Oder sollte es wieder sein. Und dabei geht es nicht darum ärmere Bevölkerungsschichten vom Fleischkonsum auszuschließen, nein es geht darum, das sich alle mal wirklich überlegen, wann und wie oft sie Fleisch essen. Dafür dann aber gutes Fleisch (damit meine ich nicht, dass man künftig nur noch Kobe-Kalb-Filet essen soll, sondern eben vernünftig erwirtschaftetes Fleisch – Bio-Rinderhack vom Metzger ist auch gar nicht so abartig teuer)
Ich jedenfalls habe das getan – und mich entschieden. Klar wird jetzt mein Verzicht nicht die Welt retten, aber vielleicht motiviere ich ja damit noch ein paar Menschen, ebenfalls weniger Fleisch zu essen. Außerdem mag ich es nicht, wenn ich etwas tue, von dem ich weiß, dass es falsch ist.
Hier wäre der Beitrag jetzt zuende, ich werde aber noch kurz die Fragen beantworten, die ich mir in Anschluss an meine Entscheidung selbst gestellt habe:
1) Warum diese Wischi-Waschi-Entscheidung? Immer noch Eier, Milch und Fisch? Das ist wie die Hexe nur halb verbrennen.
Richtig. Einerseits weil die vegane Küche viel zu viele Einschränkungen hat und ich dann ja fast gar nichts mehr essen kann, ich doch aber ein Mensch bin, der sehr viel Freude aus dem Essen gewinnt. Andererseits brauche ich Milchprodukte um z.B. Vitamin B12 in ausreichenden Mengen zu mir zu nehmen (Nahrungsergänzungsmittel lehne ich natürlich auch ab, man hat’s nicht leicht mit Überzeugungen). Fisch zu essen ist natürlich heute ähnlich verwerflich wie Fleisch (Überfischung, Beifang-Problematik, Umweltschäden durch Fischzucht usw.), weshalb ich auch Fisch nicht im Exzess essen werde. Aber irgendwie will ich ja auch irgendwie ausgewogen essen.
2) Wo wurdest du so radikalisiert?
Größtenteils über das Greenpeace Magazin (Wirklich tolle Zeitschrift, http://www.greenpeace-magazin.de/), teilweise über das Internet (wie immer, wir brauchen die Onlinedurchsuchung und DPI für alle! Sofort!) und über sonstige Koch- und Verbrauchermagazine.
3) Wie lange wird das jetzt so gehen?
Indefinitely. Möglicherweise werde ich das irgendwann wieder ändern, vor allem wenn sich meine Lebens- und Wohnsituation ändern (Nur noch 1,5 Jahre studieren! Was wird danach nur passieren?), aber selbst dann denke ich dass einmal Fleisch pro Woche der Maximalwert für mich sein wird.
4) Wichtigste Frage wie immer zu Schluss: Was wird jetzt aus dem Blog? “Grünkern, Körner und Tofu-Eskapaden mit Johann, dem ein-klein-wenig-aber-nicht-wirklich-sondern-nur-auf-eine-unterhaltsame-Weise-verrückten Vegetarier”?
So schlimm wird es nicht. Ich weiß noch nicht was ich mache – es ist schwer für mich, der ich Experte dafür bin, Dinge in Bacon einzuwickeln, vegetarische Gerichte zu entwickeln. Oder besser: zu diesem Blog passende vegetarische Gerichte zu entwickeln. Denn so wirklich aufregend ist Gemüse nun mal nicht. Mal sehen.

Mit quasi-vegetarisch hab ich auch begonnen. Und ohne Fisch. Die Beweggründe sind den deinen recht ähnlich. Trotzdem muss ich gestehen, dass es mir manchmal schwerfällt. Die Macht der Gewohnheit ist nicht so einfach auszuknipsen…
Ich bin tatsächlich überrauscht (Tippfehler, aber ein schöner), hingegen sehr positiv. Ich esse seit Anfang des Jahres nur noch einmal pro Woche Fleisch, vorzugsweise aus regionaler, biologischer Landwirtschaft. Anja und ich haben mit einem vegetarischen Kochbuch angefangen unser tägliches Essen zu entfleischen und mittlerweile haben wir im vegetarischen Bereich einige Standard und Lieblingsgerichte entwickelt (Tofu-Pilz-Zuckererbsen Pfanne (scharf) mit Jasmin Reis, Sachen mit Kichererbsen, Käsequiche, Polentagemüseauflauf).
Meine Begründung für diese Diät bezieht sich aber auf die industrielle Massentierhaltung. Dass ein Schwein gewaltsam zu Tode kommt um gefressen zu werden, kann ich einigermaßen akzeptieren. Dass ein Schwein als Produkt zur Welt kommt, ein “Leben” als Produkt führt und in der Konsequenz ein Leben voller Leid erfährt, finde ich verwerflich.
Die Wahrnehmung von Fleisch und Tier (diese Begriffe gehören zusammen) ist in unserer Gesellschaft – wie du bereits anmerktest – sehr merkwürdig. Einerseits beschweren sich Menschen bei erbärmlichen Haltungsbedingungen für Zootiere und Haustierbesitzer lassen ihr todkrankes Tier einschläfern, um ihm unnötiges Leid zu ersparen, die gleichen Menschen essen täglich ihr Discounterfleisch, welches den geringen Preis dem Leid der Tiere bei der Fleischproduktion schuldet.
Ich verurteile niemanden, da ich selbst wiedersprüchlich lebe (nicht nur in Hinsicht auf meinen Fleischkonsum) und da Verurteilung den Effekt haben kann, Fronten aufzubauen und Positionen zu verhärten. Aber darauf hinzuweisen, dass Fleisch nicht vom Mond fällt und zu Fragen, warum ein Schlachtschwein nicht das selbe Recht auf ein leidarmes Leben hat wie ein Zooschwein oder ein Hausschwein – das nehme ich mir heraus.